Moralische Entrüstung und göttliche Genozide

English version: Moral Indignation and Divine Genocides. Feel free to comment there at any time!

Moralische Entrüstung und göttliche Genozide

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Ich hatte einen interessanten Emailaustausch mit Andy, einem bekennenden Atheisten aus Nordrhein-Westfalen.

Wir haben uns vor allem über Metaethik unterhalten aber in diesem Post will ich auf spezifische Sachen eingehen, die er über in der Bibel erwähnten Völkermorde geschrieben hat.

“Wenn du dir manche Rechtfertigungen für die Völkermorde im alten Testament anschaust, z.B. die von fundamentalischen Christen wie Paul Copan z.B., dann findest du übrigens exakt die gleichen Rechtfertigungen wie die, die die Nazis hatten – Copan sagt das die Feinde der Israeliten von Grund auf Böse waren, das nicht ein einziger von ihnen nicht böse war, das die Israeliten sie töten *mussten* weil sie sonst getötet worden wären etc. pp. Und genauso wie die Nazis über die Juden gelogen haben, so bin ich mir sicher dass das alte Testament über die Kanaaniter lügt, bei den Lügen der Nazis ist dies leicht zu zeigen, bei den Lügen im alten Testament ist dies schwieriger weil es keine Quellen gibt ausser solche die von den *Tätern* geschrieben wurden (stell dir vor die Nazis hätten den zweiten Weltkrieg gewonnen – dann würden wir heute auch überall lesen das die Nazis der Welt einen Gefallen getan haben weil die Juden von Grund auf Böse waren und unser aller Untergang geplant hatten…)”

Ich bin Andy sehr dankbar,. seine Meinung auf eine solche Weise geäußert zu haben, denn es wirft viele interessante Fragen auf.

In den Büchern von Josua und Samuel wird es berichtet, dass Gott hebräischen Soldaten angeordnet hätte, ein ganzes Volk zu vernichten, wobei es ausdrücklich betont wird, dass Frauen, Kinder und alte Männer dazu gehören.

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Nun gibt es mehrere Möglichkeiten:

1) die wortwörtliche Interpretation unserer europäischen Bibel ist wahr und historisch und

1.a) Gott hat wirklich ein Blutbad eingerichtet

1.b)  Gott hat das gar nicht gewollt, vielmehr haben die alten Israeliten ihren mörderischen Nationalismus auf Ihn projiziert.

2) die wortwörtliche Interpretation unserer europäischen Bibel ist falsch, wir sollten den Vernichtungsbefehl als eine volle militärische Niederlage der Feinde ansehen

3) die Eroberung von Kanaan und die damit verbundenen Genozide sind eigentlich nie passiert. Erst viel später wurden die Moses und Josua zugeschriebenen Bücher von mehreren unbekannten Autoren geschrieben.

3.a) die Autoren dachten wirklich, dass die Völkermorde passiert wären und fanden das gut. Sie haben aber viele falsche Daten und mündliche Traditionen verwendet.

3.b) die Autoren wollten eine mythologische oder symbolische Geschichte ihrer Ursprünge schreiben und hatten keinerlei die Absicht, sorgfältige Historiker zu sein

Wahrscheinlich gibt es andere Möglichkeiten, woran ich nicht gedacht habe.

Ich würde nicht Paul Copan als einen Fundamentalisten bezeichnen sondern als einen konservativen Evangelikalen, der die Doktrin der biblischen Irrtumslosigkeit verteidigen will.

Er hat mir gesagt, dass er solche Befehle als schrecklich ansieht,obwohl sie aufgrund der tragischen Umstände durchgeführt werden sollten.

Da er aber auch seinen Glauben an die Güte Gottes nicht aufgeben will hat er in seinem Buch hauptsächlich versucht, 2) zu verteidigen. Ich gebe ihm Recht, dass die berichteten Vernichtungsbefehle in dem alten nahen Osten manchmal hyperbolisch oder symbolisch sein könnten. Dennoch gibt es viele Fälle, wo man davon ausgehen kann, dass sie ernst gemeint waren, wie Thom Stark in seinem Buch gezeigt hat.

In diesem Zusammenhang finde ich es sehr merkwürdig, dass Copan nur mit 4 Seiten auf ein Buch geantwortet hat, das mehrere hunderte Seiten umfasst und sich danach kaum mehr darum gekümmert hat.

Ich bezweifle sehr, dass es nur an dem aggressiven und respektlosen Ton von Thom Stark in der ersten Version seines Buchs liegt. Danach hat er sich bei ihm entschuldigt.

Da Copan aber sich bewusst ist, dass 2) dubiös sein könnte, hat er auch geschrieben, dass dieser von Gott angeordnete Genozid eigentlich gerecht gewesen wäre. Der beliebteste evangelikale Apologet William Lane Craig hat mehrmals versucht, den Völkermord weiss zu waschen und ich bin auf seinen letzten Versuch eingegangen.

Aber nun muss man die Tatsache betrachten, dass die Eroberung von Kanaan eigentlich historisch äußert unwahrscheinlich ist, und dass die in der Bibel beschriebenen Massaker nie geschehen sind.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob 3a) oder 3b) wahr ist. Die Autoren wollten vielleicht wirklich die historischen Ursprünge ihres Volks dokumentieren und haben sich geirrt.

Aber es besteht auch durchaus die Möglichkeit, dass die Autoren eine symbolische Erzählung beabsichtigten, die später als Historie missinterpretiert wurde.

In beiden Fällen glaube ich, dass es sich um menschliche kulturbedingte Gedanken über Gott handelt und sehe die kanonischen biblischen Bücher an auf die selbe Weise wie Bücher außerhalb des Kanons.

Und genauso wie moderne christliche Autoren sich irren können, können auch uralte biblische Schreiber sich irren.

Das Fundament meines Glaubens ist Gottes Vollkommenheit, die immer der Maßstab sein sollte, um jeden religiösen Text zu evaluieren.

Und nun will ich beschreiben, wie eine gesunde und gerechte moralische Entrüstung bezüglich solcher Texte aussehen sollte.

Evangelikalen tendieren sehr stark dazu, nur die schönen Seiten der Bibel zu betrachten, während sie die hässlichen Texte ignorieren oder weginterpretieren. Und sie würden sagen: die Bibel stellt uns auf eine konsistente Weise Gott als vollkommen gut dar.

Das ist zweifelsohne eine Art von Selbsttäuschung.

Aber militante Atheisten begehen den selben Fehler, wenn sie behaupten, die Bibel würde uns auf eine konsistente Weise Gott als ein moralisches Monster darstellen.

Wie Thom Stark in seinem Buch “The Human Faces of God” (die menschlichen Gesichter von Gott) beschrieben hat haben die unterschiedlichen Autoren der Bibel keineswegs dasselbe Gottesbild in Bezug auf die moralische Natur von Gott.

Wenn 1a) oder 3a) richtig sind dann gibt es einen krassen Kontrast zwischen dem Befehl kein Lebewesen in den kanaanitischen Städten zu ersparen und der Verkündigung des Propheten Ezechiel, dass Kinder nie wegen der Sünden ihrer Eltern bestraft sein sollten.

Nun hätte ich den folgenden Ratschlag für intellektuell ehrliche Atheisten: anstatt zu behaupten, dass der Gott des alten Testaments ein psychopathisches Monster ist wäre es besser, folgendes zu sagen:

“Das alte Testament zeigt uns widerspruchsvolle Gottesbilder. An manchen Stellen wird er als barmherzig und liebevoll dargestellt, während er an anderen Stellen als ein psychopathisches Monster beschrieben wird. Dies zeigt uns, dass das Judentum, Christentum und Islam keine offenbarte Religionen sein können, weil man daraus kein widerspruchsfreies Gottesbild ableiten kann.”

Dies wäre viel redlicher und wirksamer als die Behauptung, das alte Testament wäre fast völlig schwarz, denn das kann man leicht widerlegen.

 

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