Sind Wunder unwahrscheinliche Naturereignisse?

English version: Are miracles improbable natural events?

Stefan Hartmann ist einer der herausragendsten Wissenschaftstheoretiker, die sich mit der Wahrscheinlichkeitsphilosophie beschäftigen.

In einem Interview für die Universität von München ist er auf eine hoch bekannte Glaubensgeschichte im alten Testament eingegangen, um eine provokante Illustration mancher Konzepte zu liefern.

*****

Beginnen wir ganz am Anfang, mit dem Alten Testament. Im 1. Buch Mose offenbart Gott dem schon hundertjährigen Abraham, dass er noch Vater werde. Warum soll Abraham das glauben?
Hartmann: Wenn wir neue Informationen bekommen und uns fragen, ob wir diese in
unser Glaubenssystem einbauen wollen, analysieren wir sie zuerst einmal nach verschiedenen Kriterien. Drei davon sind
besonders wichtig: die anfängliche Plausibilität der neuen Information, die Kohärenz
der neuen Information und die Zuverlässigkeit der Informationsquelle.
Oft zeigen diese Faktoren in die gleiche Richtung, manchmal gibt’s Spannungen – wie in dem Beispiel:
Wir haben es mit einer höchst zuverlässigen Quelle zu tun, mit Gott, der immer die Wahrheit sagt. Die Information aber selbst ist sehr unplausibel, Hundertjährige bekommen keine Kinder. Und sie ist sehr inkohärent: Es
passt nicht in unser sonstiges Glaubenssystem, dass ein Hundertjähriger Vater wird.
Diese Überlegungen gilt es abzuwägen und zu einem Schluss zu kommen, ob wir eine
neue Information in unser Glaubenssystem aufnehmen. Wenn Gott spricht, haben wir
keine andere Wahl, als es zu tun. Käme aber irgendein anderer mit dieser Information,
täten wir es vermutlich nicht, weil die fehlende Kohärenz und die mangelnde Plausibilität durchschlagen.
Das Problem für die Erkenntnistheorie besteht darin, die drei Faktoren zu gewichten.

*****

Es muss klar betont werden, dass keiner der Gesprächsteilnehmer an die Historizität dieser Geschichte zwischen Gott und Abraham glaubt. Vielmehr soll sie der Verdeutlichung von epistemologischen (wissensbezogenen) Problemen dienen.

Als progressiver Christ gehe ich selber davon aus, dass die Überlieferung ziemlich spät entstanden ist, sodass ihre historischen Grundlagen unsicher sind.

Dennoch stellt sie für die Religionsphilosophie einen Ankertext dar und liegt dem berühmten “Glaubenssprung” des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard zugrunde.

Aus diesem Grund will ich selber auf Hartmanns Interpretation eingehen, denn ich glaube, dass sie weit verbreitete Missverständnisse unter modernen Intellektuellen deutlich macht.

Es geht nämlich um die von mir unterstrichenen Sätze:

“Die Information aber selbst ist sehr unplausibel, Hundertjährige bekommen keine Kinder. Und sie ist sehr inkohärent: Es
passt nicht in unser sonstiges Glaubenssystem, dass ein Hundertjähriger Vater wird.”

Gemäss Hartmanns Erläuterung sieht es so aus, als ob der Herr dem Abraham gesagt hätte “Bald wirst du auf völlig natürliche Weise durch Zufall ein Kind kriegen”. Und in diesem Fall kann ich mir wohl vorstellen, dass der von Hartmann erläuterte logische Konflikt vorliegen würde.

Aber in der ursprünglichen Erzählung sieht es tatsächlich anders aus:

Hintergrundwissen: Hundertjährige bekommen keine Kinder auf natürliche Weise.

Neue Information: Ein mächtiges übernatürliches Wesen verspricht dem Abraham, dass er ein Kind durch ein Wunder bekommen würde.

So dargestellt bestehen keine offensichtlichen logischen Spannungen mehr.

Aus seiner bisherigen Erfahrung (und der von zahllosen anderen Menschen) kann der “Vater des Glaubens” nur schliessen, dass ein solches Ereignis unter rein natürlichen Umständen äusserst unwahrscheinlich wäre.

Dies sagt aber gar nichts aus über Gottes Fähigkeiten, den ersehnten Sohn durch einen anderen Weg herbeizubringen.

Interessanterweise könnte man genau dasselbe über fortschrittliche Ausserirdischen sagen, die den selben Anspruch erheben würden. Die extreme natürliche Unplausibilität einer solchen Geburt ist gar kein Argument gegen die Möglichkeit, dass überlegene Kreaturen wohl im Stande sein könnten, dies zu vollbringen.

Glaubten Menschen der Antike an Wunder, weil sie die Naturprozesse nicht gut begriffen?

Eine eng damit zusammenhängende Fehlauffassung besteht darin, zu denken, dass wenn andere religiöse Menschen aus der Vergangenheit an Wunder glaubten, sie es nur deshalb taten, weil ihr Wissen über die Naturgesetze extrem unvollständig war.

Wie C.S. Lewis darauf hinwies, ist es irreführend, zu behaupten, dass die ersten Christen an die jungfräuliche Geburt von Jesus glaubten, weil sie gar nicht wussten, wie Schwangerschaft eigentlich fungiert.

Ganz im Gegenteil waren sie sich dieser Sachverhalte sehr wohl bewusst und genau deswegen legten sie  das Geschehnis als Gottes Eingriff aus. Sankt Joseph wäre nicht auf die Idee gekommen, sich von seiner Verlobte zu trennen, wenn es ihm nicht ganz klar gewesen wäre, dass eine Schwangerschaft ohne vorangegangen Geschlechtsverkehr den Gesetzen der Natur zuwider läuft.

Obwohl er zweifelsohne ein äusserst intelligenter Mensch ist, hat meiner Meinung nach Professor Hartmann die Kernproblematik verpasst.

Sind wir für die Existenz eines Gottes offen, dessen Handlungen den statistischen Regelmässigkeiten der natürlichen Ordnung nicht immer entsprechen? Und dessen Vorzüge nicht unbedingt durch unsere menschliche Vernunft nachvollziehbar sind?

Aber wie progressiver evangelikaler Theologe Randal Rauser argumentiert hat glaube ich, dass der wahre epistemologische und moralische Konflikt erst anfängt, wenn Abraham von Gott Jahre später dazu aufgefordert wird, seinen Sohn zu opfern, was tief verwurzelte moralische Intuitionen über Bord wirft.

Wie der frühere deutsche Philosoph Immanuel Kant bezweifelt Rauser sehr, dass ein solcher Befehl mit Gottes Vollkommenheit in Einklang gebracht werden kann.

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