Biblische Inspiration und Randal Rauser

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English version: Biblical Inspiration and Randal Rauser

 

Randal Rauser, der zweifelsohne einer der größten evangelikalen Theologen, Philosophen und Verteidiger des Glaubens (sowie ein liebevoller Mann) ist interviewte vor kurzer Zeit den Pastoren und Theologen Tyler Williams über die Kluft zwischen den Resultaten der historischen kritischen Methode und der Art und Weise, wie Pfarrer zu ihren Herden predigen.

Ich beschloss, darüber zu bloggen, weil ich mit genau diesem Problem zwei Tage zuvor konfrontiert wurde.

Ich ging zu einer evangelikalen Bibelstudie über das Johannesevangelium und wies darauf hin, dass viele Aussagen von Jesus dort nicht historisch sein können, weil es zu große Diskrepanzen mit der Weise gibt, wie er sich selbst ausdruckt in den synoptischen Evangelien

Viele Leute dort waren unwillig, darüber zu diskutieren und sagten nur, dass sie die Historizität dieser Passagen annehmen und ihren Glauben darauf aufbauen wollen.

Es ist bestimmt konsistent mit den Bemerkungen von Tyler (und auch von Randal), dass viele Menschen ihre Zweifel nie in der Kirche zugeben, aus Furcht ausgeschlossen zu werden.

Meiner Meinung nach ist es ziemlich unverantwortlich, denn es ist schon wichtig, ob Jesus diese Dinge wirklich behauptet hat oder ob sie der Theologie von Johannes entspringen (der selbst alles von vornherein hätte erfinden können oder wahre Aussagen Christi modifiziert und spritualiziert hätte).

 

Sie erwähnen den Fall von Barth Ehrmann, der nachdem er ein Fundamentalist gewesen war eine starke Entkonvertierung erfuhr und nun den gesamten christlichen Glauben in Frage stellt.

Zurecht betonen sie die Tatsache, dass ein starres Glaubenssystem viele intelligente Personen dazu führen kann, das Kind mit dem Bade aus zu schütten, sodass sie dann Atheisten oder mindestens Agnostiker werden.

Nachher versuchten Randal und Tyler die Doktrin der biblischen Irrtumslosigkeit zu erretten, indem der Sinn des Begriffs so erweitert wurde, dass  Gott beabsichtigte, die gesamte Bibel als einen heiligen Kanon zu deklarieren.

Sie haben recht, dass es mit nicht-historischen und mythologischen Erzählungen innerhalb der Bibel vereinbar ist, da sie uns geistliche Wahrheiten beibringen.

Das Konzept, dass Gott fälschlich zugewiesene Schreiber in den Kanon einschliessen würde ist schwerer zu verschlucken, bleibt dennoch nicht sehr unplausibel, wenn die Autoren profunde spirituelle und moralische Einsichten hatten.

 

Dennoch ist die Gegenwart von “Terrortexten” innerhalb des Kanons, wobei Gott als ein völkermörderischer Monster beschrieben wird, ein unbesiegbarer Einwand gegen jeglichen Glauben an die Irrumslosigkeit.

Randal geht davon aus, dass Gott die Absicht hatte, diese Texte in die Bibel einzuschliessen, um uns zu lehren, Gott gegenüber ehrlich zu sein und um uns die Verderbtheit  unserer eigenen Herzen zu zeigen, die wir allzu einfach auf Ihn hinein projiziert.

Aber es ist sehr problematisch.

Einerseits ist es gewiss richtig, dass sehr früh Gläubige wie die Kirchenväter Origen und Gregor radikal  die in den Terrortexten ausgedruckte Theologie ablehnten. In der Tat, wie Thom Stark und viele anderen darauf hingewiesen haben  hatten sogar andere biblische Autoren wie Ezechiel und Jonah in dieser Hinsicht  eine sehr unterschiedliche Theologie im Vergleich zu den Schreibern von Joshua und Samuel.

Andererseits kann es nicht verleugnet werden, dass die Terrortexte einen sehr schlechten Einfluss auf nicht wenige Menschen ausgeübt haben, die sie als Ausrede missbraucht haben, ihren eigenen Hass zu begründen.

Aus diesem Grund bezweifle ich sehr, dass Gott wollte, dass sie Teil eines Übernatürlichen Kanons werden.

 

Tatsächlich verwerfe ich die Idee, dass die Bibel unser Fundament sein sollte, um zu lernen, wie Gott ist. Ich denke, dass wir unsere Theologie auf dem Konzept basieren sollen, dass Gott perfekt sein muss, um überhaupt Gott zu sein.

Dies sollte unser Startpunkt sein.

Wir können dann  die unterschiedlichsten biblischen Texte als die menschlichen Gesichter Gottes ansehen (um Thom Starks wundervollen Ausdruck zu benutzen), das heißt als genauso inspiriert wie Bücher ausserhalb des Kanons (wie die von den Kirchenvätern, Aquinas, Wesley, C.S. Lewis und nicht zuletzt Randal Rauser selbst verfassten).

Und ich bin überzeugt, dass nicht-christliche Autoren viele Aspekte von Gott erleben können und Dinge über Ihn gut begreifen können.

Wie ich in einer zukünftigen Post argumentieren werde, haben wir gute Gründe zur Annahme , dass auf diese Weise  der Apostel Paulus im Laufe seiner Rede in Athen  einige heidnische Autoren betrachtete.

 

 

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Der emotionale Hund und sein rationaler Schwanz (und deren praktischen ethischen Implikationen)

English version: The rational tail and its emotional dog (and its practical ethical implications). Feel free to comment there at any time! 

Dies ist der Titel eines bahnbrechenden Artikels vom brillanten Evolutionspsychologen Jonathan Haidt.

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Die Forschung über die Bildung von moralischen Bewertungen wurde von rationalisten Modellen dominiert, in welchen das moralische Bewerten mutmasslich durch moralische Schlussfolgerungen verursacht wird.
Vier Gründe werden hier angegeben, um die Hypothese zu betrachten, dass moralisches Schlussfolgern das moralische Bewerten nicht verursacht sondern vielmehr eine nachträgliche Konstruktion ist, die erst nach der Entstehung einer Bewertung erreicht worden ist.

Das soziale intuitive Modell wird hier als Alternative zu rationalistischen Modellen dargestellt. Das Modell ist ein soziales Modell, indem es das private Schlussfolgern von Individuen weg betont, wobei stattdessen die Wichtigkeit von sozialen und kulturellen Einflüssen unterstrichen wird.
Das Modell ist intuitiv, indem es besagt, dass moralisches Bewerten generell das Ergebnis von schnellen, automatischen Einschätzungen (Intuitionen) ist. Das Modell kann auf eine bessere Weise als rationalistische Modelle in Übereinstimmung mit neuen Befunden in sozialer, kultureller, evolutionärer und biologischer Psychologie sowie in Anthropologie und Primatologie gebracht werden.

Er stellt den moralischen Rationalismus, demzufolge objektive moralische Wahrheiten aus der menschlichen Vernunft stammen, dem moralischen Intuitionismus gegenüber, der vom schottischen Aufklärungsphilosophen David Hume auf eine mächtige Weise verteidigt wurde.

Seine radikalste Behauptung war, dass “wir nicht strikt und philosophisch reden, wenn wir über den Kampf zwischen der Leidenschaft und der Vernunft sprechen. Die Vernunft ist, und soll nur die Sklavin von Leidenschaften sein, und kann nie eine andere Rolle erfordern, als ihnen zu dienen und zu gehorchen. (Hume, 1739/1969, p. 462).

Die Grundlage von Humes Attacke gegen den Rationalismus war, dass die Vernunft allein gar nicht die fantastische Rolle erfüllen kann, die ihr seit Plato gegeben worden ist. Hume sah die Vernunft an als ein Werkzeug, das vom Geist benutzt wird, um Informationen über Ereignisse in der Welt oder über Verhältnisse zwischen Objekte zu erhalten und zu verarbeiten.
Durch die Vernunft können wir einsehen, dass eine besondere Handlung zum Tod von vielen unschuldigen Menschen führen wird, aber ausser wenn uns diese Menschen wichtig sind, ausser wenn wir ein gewisses Gefühl haben, das menschliches Leben hochschätzt, kann uns die alleinige Vernunft nicht beraten, dagegen zu handeln. Hume argumentierte, dass eine Person, deren Vernunft völlig funktioniert, der es jedoch an moralischen Gefühlen fehlt, Schwierigkeiten hätte, zu verfolgende Ziele und Zwecke zu wählen, was wir jetzt als Psychopathie bezeichnen würden.

Er fuhr dann fort, stichhaltige empirische Argumente dafür zu geben, dass unsere moralischen Gefühle durch nicht-rationale und irrationale Prozesse entstehen und nur im Nachhinein und meistens unbewusst rationalisiert werden.

Wenn moralisches Schlussfolgern generell eine nachträgliche Konstruktion ist, die beabsichtigt ist, um automatische moralische Intuitionen zu begründen, dann wird unser moralisches Leben von zwei Illusionen geplagt.

Die erste Illusion kann “den wedelnden Hund” benannt werden: wir glauben, dass unser eigenes moralisches Bewerten (der Hund) von unserem moralischen Schlussfolgern (dem Schwanz) angetrieben wird.

Die zweite Illusion kann “das Wedeln vom Schwanz des anderen Hundes” benannt werden: in einer moralischen Auseinandersetzung erwarten wir, dass die erfolgreiche Widerlegung des Arguments eines Gegners seine Meinung verändert. Solch ein Glaube kommt der Überzeugung gleich, dass wenn Sie durch Ihre Hand den Schwanz des Hundes zum wedeln zwingen der Hund dann dadurch glücklich werde.

Die Illusion des wedelnden Hundes folgt unmittelbar dem oben beschriebenen Mechanismus des Schlussfolgerns.

Pyszczynski und Greenberg (1987) weisen darauf hin, dass indem Menschen durch alle Stufen des Testens einer Hypothese gehen (sogar wenn jeder Schritt durch selbstsüchtige Beweggründe verzerrt werden kann) sie die Illusion der Objektivität ihres eigenen Denkens aufrecht erhalten können.

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Dann sagte er etwas sehr relevant für Christen und generell für jeden, der ernsthaft versucht, die goldene Regel zu befolgen:

Die Bitterkeit, Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit von den meisten moralischen Auseinandersetzungen können nun erklärt werden.
In einer Debatte über die Abtreibung, die Politik, einvernehmlichen Inzest, oder was mein Freund deinem Freund antat, glauben beide Seiten, dass ihre Positionen auf Schlussfolgerungen aus Fakten und Sachverhalten basiert sind (die Illusion vom Wedeln des Hundes).
Beide Seiten präsentieren, was sie für exzellente Argumente zur Unterstüzung ihrer Positionen halten. Beide Seiten erwarten, dass die andere Seite auf solche Gründe reagieren sollte (die Illusion vom Wedeln des Schwanzes des anderen Hundes).

Wenn die andere Seite von solchen guten Gründen nicht bewegt wird, schliesst daraus jede Seite, dass die andere Seite engstirnig oder unaufrichtig sein muss. Auf diese Weise kann der Kulturkampf über Fragen wie Homosexualität oder Abtreibung moralisch motivierte Krieger auf beiden Seiten hervorbringen, die glauben, dass ihre Gegner nicht moralisch motiviert sind.

Kulturkampf, Intoleranz und Fanatismus

Wie man erwarten kann, haben diese Zeilen für viel Empörung gesorgt, denn sie tendieren dazu, jeden Kulturkämpfer auf beiden Seiten der grossen Kluft zornig zu machen. Aber dies hat eine starke Erklärungskraft.

Das erklärt, warum sowohl christliche als auch atheistische Extremisten alle grundlegenden Regel des menschlichen Anstands vergessen, wenn sie durch die Verwendung vom Schikanieren, Lächerlichmachen und ständigen Verspottungen einander bekämpfen.
Sie sind überzeugt, dass die Vernunft auf ihrer Seite liegt, und dass Andersdenkenden entweder Schwachköpfe oder zutiefst verdorbene Menschen sind, die es verdienen, auf eine völlig lieblose Weise behandelt zu werden.

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Wie er selber erwartete, provozierte Haidt einen grossen Zorn, als er einen Artikel schrieb, wo er auf die zahlreichen Verzerrungen verwies, die die Gedanken von militanten Atheisten beherrschen, die sich nach der Zerstörung einer Entität namens Religion sehnen.

Ich betrachte das folgende Prinzip als eine moralische Grundregel, die jede hitzige Debatte oder Konfrontation von Weltanschauungen regieren sollte:

es ist immer verkehrt, einen respektvollen und netten Gegner zu verspotten, lächerlich zu machen oder zu schikanieren, egal wie widerlich und tadelnswert manche seiner oder ihrer Ideen sein mögen.

Die kognitive Psychologie kann uns sehr behilflich sein, unsere eigenen Verzerrungen besser zu begreifen, aber sie wird nie eine Sache vollziehen: für uns die Entscheidung treffen, immer danach zu streben, die goldene Regel zu beachten, egal was  passieren mag.

 

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