Der emotionale Hund und sein rationaler Schwanz (und deren praktischen ethischen Implikationen)

English version: The rational tail and its emotional dog (and its practical ethical implications). Feel free to comment there at any time! 

Dies ist der Titel eines bahnbrechenden Artikels vom brillanten Evolutionspsychologen Jonathan Haidt.

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Die Forschung über die Bildung von moralischen Bewertungen wurde von rationalisten Modellen dominiert, in welchen das moralische Bewerten mutmasslich durch moralische Schlussfolgerungen verursacht wird.
Vier Gründe werden hier angegeben, um die Hypothese zu betrachten, dass moralisches Schlussfolgern das moralische Bewerten nicht verursacht sondern vielmehr eine nachträgliche Konstruktion ist, die erst nach der Entstehung einer Bewertung erreicht worden ist.

Das soziale intuitive Modell wird hier als Alternative zu rationalistischen Modellen dargestellt. Das Modell ist ein soziales Modell, indem es das private Schlussfolgern von Individuen weg betont, wobei stattdessen die Wichtigkeit von sozialen und kulturellen Einflüssen unterstrichen wird.
Das Modell ist intuitiv, indem es besagt, dass moralisches Bewerten generell das Ergebnis von schnellen, automatischen Einschätzungen (Intuitionen) ist. Das Modell kann auf eine bessere Weise als rationalistische Modelle in Übereinstimmung mit neuen Befunden in sozialer, kultureller, evolutionärer und biologischer Psychologie sowie in Anthropologie und Primatologie gebracht werden.

Er stellt den moralischen Rationalismus, demzufolge objektive moralische Wahrheiten aus der menschlichen Vernunft stammen, dem moralischen Intuitionismus gegenüber, der vom schottischen Aufklärungsphilosophen David Hume auf eine mächtige Weise verteidigt wurde.

Seine radikalste Behauptung war, dass “wir nicht strikt und philosophisch reden, wenn wir über den Kampf zwischen der Leidenschaft und der Vernunft sprechen. Die Vernunft ist, und soll nur die Sklavin von Leidenschaften sein, und kann nie eine andere Rolle erfordern, als ihnen zu dienen und zu gehorchen. (Hume, 1739/1969, p. 462).

Die Grundlage von Humes Attacke gegen den Rationalismus war, dass die Vernunft allein gar nicht die fantastische Rolle erfüllen kann, die ihr seit Plato gegeben worden ist. Hume sah die Vernunft an als ein Werkzeug, das vom Geist benutzt wird, um Informationen über Ereignisse in der Welt oder über Verhältnisse zwischen Objekte zu erhalten und zu verarbeiten.
Durch die Vernunft können wir einsehen, dass eine besondere Handlung zum Tod von vielen unschuldigen Menschen führen wird, aber ausser wenn uns diese Menschen wichtig sind, ausser wenn wir ein gewisses Gefühl haben, das menschliches Leben hochschätzt, kann uns die alleinige Vernunft nicht beraten, dagegen zu handeln. Hume argumentierte, dass eine Person, deren Vernunft völlig funktioniert, der es jedoch an moralischen Gefühlen fehlt, Schwierigkeiten hätte, zu verfolgende Ziele und Zwecke zu wählen, was wir jetzt als Psychopathie bezeichnen würden.

Er fuhr dann fort, stichhaltige empirische Argumente dafür zu geben, dass unsere moralischen Gefühle durch nicht-rationale und irrationale Prozesse entstehen und nur im Nachhinein und meistens unbewusst rationalisiert werden.

Wenn moralisches Schlussfolgern generell eine nachträgliche Konstruktion ist, die beabsichtigt ist, um automatische moralische Intuitionen zu begründen, dann wird unser moralisches Leben von zwei Illusionen geplagt.

Die erste Illusion kann “den wedelnden Hund” benannt werden: wir glauben, dass unser eigenes moralisches Bewerten (der Hund) von unserem moralischen Schlussfolgern (dem Schwanz) angetrieben wird.

Die zweite Illusion kann “das Wedeln vom Schwanz des anderen Hundes” benannt werden: in einer moralischen Auseinandersetzung erwarten wir, dass die erfolgreiche Widerlegung des Arguments eines Gegners seine Meinung verändert. Solch ein Glaube kommt der Überzeugung gleich, dass wenn Sie durch Ihre Hand den Schwanz des Hundes zum wedeln zwingen der Hund dann dadurch glücklich werde.

Die Illusion des wedelnden Hundes folgt unmittelbar dem oben beschriebenen Mechanismus des Schlussfolgerns.

Pyszczynski und Greenberg (1987) weisen darauf hin, dass indem Menschen durch alle Stufen des Testens einer Hypothese gehen (sogar wenn jeder Schritt durch selbstsüchtige Beweggründe verzerrt werden kann) sie die Illusion der Objektivität ihres eigenen Denkens aufrecht erhalten können.

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Dann sagte er etwas sehr relevant für Christen und generell für jeden, der ernsthaft versucht, die goldene Regel zu befolgen:

Die Bitterkeit, Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit von den meisten moralischen Auseinandersetzungen können nun erklärt werden.
In einer Debatte über die Abtreibung, die Politik, einvernehmlichen Inzest, oder was mein Freund deinem Freund antat, glauben beide Seiten, dass ihre Positionen auf Schlussfolgerungen aus Fakten und Sachverhalten basiert sind (die Illusion vom Wedeln des Hundes).
Beide Seiten präsentieren, was sie für exzellente Argumente zur Unterstüzung ihrer Positionen halten. Beide Seiten erwarten, dass die andere Seite auf solche Gründe reagieren sollte (die Illusion vom Wedeln des Schwanzes des anderen Hundes).

Wenn die andere Seite von solchen guten Gründen nicht bewegt wird, schliesst daraus jede Seite, dass die andere Seite engstirnig oder unaufrichtig sein muss. Auf diese Weise kann der Kulturkampf über Fragen wie Homosexualität oder Abtreibung moralisch motivierte Krieger auf beiden Seiten hervorbringen, die glauben, dass ihre Gegner nicht moralisch motiviert sind.

Kulturkampf, Intoleranz und Fanatismus

Wie man erwarten kann, haben diese Zeilen für viel Empörung gesorgt, denn sie tendieren dazu, jeden Kulturkämpfer auf beiden Seiten der grossen Kluft zornig zu machen. Aber dies hat eine starke Erklärungskraft.

Das erklärt, warum sowohl christliche als auch atheistische Extremisten alle grundlegenden Regel des menschlichen Anstands vergessen, wenn sie durch die Verwendung vom Schikanieren, Lächerlichmachen und ständigen Verspottungen einander bekämpfen.
Sie sind überzeugt, dass die Vernunft auf ihrer Seite liegt, und dass Andersdenkenden entweder Schwachköpfe oder zutiefst verdorbene Menschen sind, die es verdienen, auf eine völlig lieblose Weise behandelt zu werden.

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Wie er selber erwartete, provozierte Haidt einen grossen Zorn, als er einen Artikel schrieb, wo er auf die zahlreichen Verzerrungen verwies, die die Gedanken von militanten Atheisten beherrschen, die sich nach der Zerstörung einer Entität namens Religion sehnen.

Ich betrachte das folgende Prinzip als eine moralische Grundregel, die jede hitzige Debatte oder Konfrontation von Weltanschauungen regieren sollte:

es ist immer verkehrt, einen respektvollen und netten Gegner zu verspotten, lächerlich zu machen oder zu schikanieren, egal wie widerlich und tadelnswert manche seiner oder ihrer Ideen sein mögen.

Die kognitive Psychologie kann uns sehr behilflich sein, unsere eigenen Verzerrungen besser zu begreifen, aber sie wird nie eine Sache vollziehen: für uns die Entscheidung treffen, immer danach zu streben, die goldene Regel zu beachten, egal was  passieren mag.

 

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The rational tail and its emotional dog (and its practical ethical implications)

 

Deutsche Version: Der emotionale Hund und sein rationaler Schwanz (und deren praktischen ethischen Implikationen).

Youtube Version

This is a title of a ground-breaking article by the brilliant evolutionary psychologist Jonathan Haidt.

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Research on moral judgment has been dominated by rationalist models, in which moral judgment is thought to be caused by moral reasoning. Four reasons are given for considering the hypothesis that moral reasoning does not cause moral judgment; rather, moral reasoning is usually a post-hoc construction, generated after a judgment has been reached. The social intuitionist model is presented as an alternative to rationalist models. The model is a social model in that it de-emphasizes the private reasoning done by
individuals, emphasizing instead the importance of social and cultural influences. The model is an intuitionist model in that it states that moral judgment is generally the result of quick, automatic evaluations (intuitions). The model is more consistent than rationalist models with recent findings in social, cultural, evolutionary, and biological psychology, as well as anthropology and primatology.

He contrasts moral rationalism, according to which objective moral truths stem from human reason with moral intuitionism as championed by the Scottish enlightenment philosopher David Hume:

His most radical statement of this position was that “we speak
not strictly and philosophically when we talk of the combat of passion and of reason. Reason is, and ought only to be the slave of the passions, and can never pretend to any other office than to serve and obey them” (Hume, 1739/1969, p. 462).
The thrust of Hume’s attack on rationalism was that reason alone cannot accomplish the magnificent role it has been given since Plato. Hume saw reason as a tool used by the mind to obtain and process information about events in the world, or about relations among objects. Reason can let us infer that particular action will lead to the death of many innocent people, but unless we care about those people, unless we have some sentiment that values human life, reason alone cannot advise against taking the action. Hume argued that a person in full possession of reason yet lacking moral sentiment
would have difficulty choosing any ends or goals to pursue, and would look like what we now call a psychopath.

He then went on giving cogent empirical arguments why our moral feelings first come about through non-rational and irrational processes and are only rationalized in hindsight and most often unconsciously.

If moral reasoning is generally a post-hoc construction intended to justify automatic moral intuitions, then our moral life is plagued by two illusions. The first illusion can be called the “wag-the-dog” illusion: we believe that our own moral judgment (the dog) is
driven by our own moral reasoning (the tail). The second illusion can be called the “wag-the-other-dog’s-tail” illusion: in a moral argument, we expect the successful rebuttal of an opponent’s arguments to change the opponent’s mind. Such a belief is like
thinking that forcing a dog’s tail to wag by moving it with your hand should make the dog happy. The wag-the-dog illusion follows directly from the mechanics of the reasoning process described above. Pyszczynski and Greenberg (1987) point out that by going through all the steps of hypothesis testing, even though every step can be biased by self-
serving motivations, people can maintain an “illusion of objectivity” about the way they think.

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He then said something very relevant for Christians, and more generally for everyone genuinely seeking to follow the Golden Rule:

The bitterness, futility, and self-righteousness of most moral arguments can now be explicated. In a debate on abortion, politics, consensual incest, or on what my friend did to your friend, both sides believe that their positions are based on reasoning about the
facts and issues involved (the wag-the-dog illusion). Both sides present what they take to be excellent arguments in support of their positions. Both sides expect the other side to be responsive to such reasons (the wag-the-other-dog’s-tail illusion). When the other side fails to be affected by such good reasons, each side concludes that the other side must
be closed-minded or insincere. In this way the culture wars over issues such as homosexuality and abortion can generate morally motivated players on
both sides who believe that their opponents are not morally motivated.

Culture war, intolerance and bigotry

As can be expected, these lines have caused a lot of heat for they tend to infuriate every culture warrior on both sides of the great divide. But this has a strong explanatory power.

This explains why both Christian and atheist extremists forget all basic rules of human decency when affronting each other by using emotional bullying, ridicule and constant mockeries. They are convinced that reason is on their side, that those disagreeing with them are either morons or profoundly wicked people, and that they deserve to be treated in the rudest manner.

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As he himself expected, Haidt provoked a great furor as he wrote an article pointing out the numerous biases dominating the thoughts of most militant atheists yearning for the destruction of an entity called “Religion”.

I consider the following principle as being a moral ground rule which ought to govern every heated debates or clash of worldview:

it is always wrong to mock, ridicule or bully a respectful and kind opponent, regardless of how offensive and reprehensible some of his or her ideas might be.

Cognitive psychology can be a great help to better understand our own biases but it will never do one thing: making for ourselves the decision to always strive to follow the Golden rule no matter what.

 

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